Madidi-Nationalpark – vom Leben und Überleben im Dschungel

Das Amazonasbecken – diese Region steht für Abenteuer. Für giftige und lebensbedrohliche Tiere. Für eine Artenvielfalt, die immer noch nicht umfassend erforscht worden ist. Für Naturvölker, die tief im Dschungel unentdeckt von westlichen Zivilisationen ihre traditionelle Lebensweise fortführen. Kein Wunder also, das mein erster Weg in Bolivien genau hierhin führt, in das bolivianische Herz des Dschungels: den Madidi-Nationalpark.

Bevor es jedoch in eines der größten Naturschutzgebiete des Landes geht, erlebe ich einen denkwürdigen Moment am Flughafen des Städtchens Rurrenabaque, dem Tor zum Madidi-Nationalpark: als ich aus dem Flugzeug steige, kann ich zum ersten Mal seit Wochen wieder durchatmen. Nach der dünnen Luft in den Anden hat die sauerstoffreiche Luft hier unten fast eine berauschende Wirkung. Von Rurrenabaque geht es weiter mit dem Boot über die Flüsse Beni und Tuichi tief hinein in den Dschungel, wo mich Pedro, mein Guide für die nächsten drei Tage, erwartet.

Achtung – giftige Raupe!

Eine Kindheit im Dschungel

Im Nu sind die Rucksäcke geschultert und es kann losgehen.  Wir folgen einem Trampelpfad, schlängeln uns durch Lianen, klettern über Baumstümpfe. Es grünt, fällt, raschelt, wächst, alles ist in Bewegung. Nur Pedro bleibt immer wieder stehen, horcht, schaut, entdeckt eine Affenfamilie, die sich von Ast zu Ast hangelt, zeigt mir Pekari, die leise grunzend durchs Unterholz jagen. Pedro gehört zum Volk der Tacana, das seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur lebt. Er erzählt von seiner Kindheit in einem Dorf im Dschungel, wie er als 7-jähriger ein Tier töten musste, das größer war als er. Wie der Schamane ihm ein Krokodil zuwies. Wie er nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet auf die Suche ging. Wie er schließlich eines fand und es erlegte. Allerdings nicht ohne eine Narbe von dem Kampf zu behalten, denn als er das Tier schon für Tod hielt, riss es nochmal das Maul auf und biss ihn in den Arm. Das Wissen, wie man Tiere jagt und erlegt, mussten sich die anderen Jungen und er selbst erarbeiten.

Im Einklang mit der Natur
Lianen – natürliche Wasserquellen

Lauernde Gefahren und heilende Pflanzen

Wir halten an Bäumen, buddeln in der Erde, probieren Insekten, schneiden Blätter von Pflanzen ab und Lianen durch. Und was sich uns offenbart, ist ein Wunderwerk der Natur, die hier die erstaunlichsten Dinge zum Überleben für den Menschen bereithält. Aus der Liane sprudelt herrlich erfrischendes Trinkwasser, die nach frischer Minze schmeckenden Termiten haben eine belebende Wirkung. Wir finden Heilpflanzen, Pflanzen für die Zahn- und Körperpflege und desinfizierende Pflanzen. Duschgel und Co. sind hier überflüssig ebenso wie die vorsichtshalber noch eingesteckten Tabletten zur Wasserdesinfektion.

Plastikplanen als Regenschutz & ein Moskitonetz – mehr braucht es nicht für’s Nachtlager

Unser Nachtlager schlagen wir in der Nähe eines Bachlaufes auf. Zwei Plastikplanen als Regenschutz an Ästen befestigt und die Moskitonetze aufgehängt – schon sind wir fertig. Nun können wir uns auf die Suche nach dem Abendessen machen. Dafür wandern wir zum Fluss Tuichi. Während wir warten, dass ein Fisch anbeißt, erzählt Pedro von der gefährlichen Seite des Dschungels, von den fleisch-fressenden Parasiten, die sich unbemerkt im Körper einnisten, von Würmern, die sich im Magen ausbreiten, von Pilzbefall der Haut und von Pflanzen, die noch Stunden nach der Berührung ein Stechen auf der Haut verursachen. Nicht alle Krankheiten können mit den vorhandenen medizinischen Pflanzen geheilt werden können. Umfangreichere medizinische Versorgung aber gibt es nur in den Städten. Sein Bericht wird immer wieder von den fernen Rufen eines Jaguars unterbrochen, auf dem Hinweg hatten wir die frischen Spuren im Sand entdeckt.

Frische Jaguarspuren im Sand

Ein Abendessen frisch aus dem Fluss

Plötzlich zieht etwas an der Schnur: ein Fisch hat angebissen – das Abendessen ist gerettet.  Schnell packen wir unsere Sachen zusammen und eilen zurück zum Camp. Mit Taschenlampe und Messer ausgerüstet gehen wir zu dem kleinen Bach in Campnähe und nehmen den Fisch aus. Die Eingeweide lassen wir für die Krokodile liegen.

Campingküche im Dschungel

Als wir nach dem Abendessen auf unserer Nachtwanderung wieder am Bach vorbeikommen, sind die Innereien weg. Stattdessen starren uns glitzernde gelbe Augen an.  Wir schleichen uns weiter durch den nächtlichen Dschungel, der so voller Geräusche und Leben ist. Ich habe das Gefühl, dass er nie schläft. Auch wir setzen uns nach unserer Rückkehr noch ans Feuer. Erst als das letzte Holzscheit verbrannt ist, ziehen wir uns unter die Moskitonetze zurück – und freuen uns auf einen weiteren Tag im Dschungel.

Am Krokodilsbach

Auch wenn es nur drei Tage waren – diese Expedition war eine prägende Erfahrung für mich. Im Einklang mit der Natur zu leben, ihre Schätze zu kennen und anzuwenden und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren haben mich sehr zum Nachdenken gebracht. Der Abschied fällt mir schwer. Während das Boot sich immer weiter entfernt, verschmilzt Pedros Gestalt mit der jahrhundertealten Vegetation hinter ihm, bis sie eins sind. So wie sein Stamm seit jeher im Einklang mit der Natur lebt.

Dschungel-Vegetation

Reiseinfos:

Von La Paz aus erreicht man Rurrenabaque in 40min mit dem Flugzeug (Amaszonas, TAM). Günstiger aber länger und gefährlicher ist die Busfahrt, die ca. 18 Stunden dauert. Rurrenabaque bietet eine Vielzahl an Unterkünften und Bars und Restaurants mit westlicher Küche. An der Hauptstraße finden sich verschiedene Reiseagenturen, die (mehrtägige) Ausflüge in die Pampas zum Tiere beobachten oder in den Dschungel anbieten. Vergleichen lohnt sich – nicht zuletzt weil es immer wieder Berichte von Anbietern gibt, die ihre Angestellten und /oder die Tiere schlecht behandeln. Deshalb am besten vor Ort umhören und vergleichen.

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