Albanien: Überraschung im Süden Europas

Nach einer ungewöhnlichen Anreise mit Flugzeug, Zügen und Bussen über Ungarn, Serbien und Montenegro, überquere ich nach 3 Tagen unterwegs die Grenze nach Albanien. Der Shkodrasee rechts und die Albanischen Alpen links sind das erste, was ich von dem Land sehe.

Nach einer Nacht in Shkodra, mit knapp 100.000 Einwohnern eine der größeren Städte Albaniens und kulturelles Zentrum des Landes, fahre ich am nächsten Tag über den Komani-See in die Albanischen Alpen.

Fußgängerzone in Shkodra

In Valbona, einer kleinen Ansammlung von Bauernhöfen, miete ich ein Zimmer bei einer Familie. Zur Begrüßung führt mir Mark, das Familienoberhaupt, stolz seinen Mercedes Benz vor: „Very good car!“ Später gibt es zu frittierten Kartoffeln, albanischem Alpenkäse und Rindfleisch Reisegeschichten und einen Schnellkurs in Albanisch. Ich tue mich zunächst schwer, da die Sprache mit allen anderen, die ich bis jetzt gelernt habe, kaum zu vergleichen ist. Doch nachdem ich ihr jeden Tag ein paar Minuten widme, sitzen bald die wichtigsten Sätze fürs Reisen. Mir gefällt es in Valbona und so erkunde ich von dort aus wandernd die Umgebung – immer ausgestattet mit einer Skizze der Tageswanderung von meinem Gastgeber. Am schönsten ist die Wanderung auf eine Alm, auf der zwischen Wildblumen Walderdbeeren und Himbeeren wachsen und die Bienen im Sonnenschein summen. Nach drei Tagen mache ich mich mit meinem Rucksack bepackt auf den Weg nach Theth, aber nicht ohne mich bei meinen Gastgebern für die herzliche Gastfreundschaft zu bedanken: „Falemenderit“!

Blick auf Valbona
Stall und Futterbaum in Valbona

Nachhaltiger Tourismus in den Albanischen Alpen und unberührte Strände am Mittelmeer

Der Weg nach Theth ist gut beschildert und biete nach einem steilen Anstieg einen herrlichen Blick über die beiden Täler. Am Abend im Gasthaus ist nach dem Kauderwelsch aus Albanisch, Englisch, Deutsch, Händen & Füßen in Valbona, wieder Deutsch die vorherrschende Sprache. Denn die anderen Reisenden sind aus Österreich. Das Abendessen gibt es um 21 Uhr, die lokale Zeit für die letzte Mahlzeit des Tages. Angela und ihr Mann Ludwig aus Österreich sind schon einige Tage in Theth. Bei Ofenkartoffeln, Omelette, gebratenen Auberginen und Kräuterhühnchen erzählen sie mir, dass die Wanderung auf Initiative mehrerer Entwicklungsorganisationen, darunter auch der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), entstanden ist. In der Region soll ein sanfter und nachhaltiger Tourismus aufgebaut werden – mithilfe der bereits vorhandenen lokalen Strukturen: Übernachtungen bei Familien statt in Hotels, selbstgemachte Speisen aus lokal verfügbaren Zutaten statt Pizza. Ein überzeugendes Konzept, das bei Naturfans gut ankommt. Am nächsten Morgen fahre ich mit Angela und Ludwig über die Schotterstraße zurück nach Shkodra. Von dort geht es für mich weiter ans Meer.

Gasthaus in Theth

Meine Wahl fällt auf die südliche Küste, die im Vergleich zum Norden zwar touristischer und teurer, dafür aber landschaftlich schöner sein soll. Der Tipp eines Hostelbesitzers führt mich nach Himarë. Hier ist tatsächlich mehr los, als in den Bergen. Albaner stellen die Mehrheit der Urlauber dar. Ich finde in und um Himarë alles, was ich mir gewünscht hatte: abgelegene Strände, die nur zu Fuß oder mit dem Boot zu erreichen sind. Herrlich aromatische Feigen, Nektarinen, Aprikosen, Pflaumen, Tomaten, Gurken, Paprika für das Picknick am Strand und eine Uferpromenade, auf der sich abends das Städtchen zum Plaudern, Essen, Trinken trifft. Und das Hostel hat sogar Betten unter’m Sternenhimmel im Angebot – mit fantastischer Sicht auf die Stadt und die Bucht.

Strand bei Himare

Albanien – ein Land der Widersprüche

In der knappen Woche, die ich in Albanien verbringe, erlebe ich ein widersprüchliches Land. Einfaches und traditionelles Leben auf dem Land versus eine junge und moderne Hauptstadt. Junge Albaner, die in ihrem Land keine Zukunft sehen und verzweifelt auf eine Gelegenheit warten, im Ausland einen Job zu finden versus Menschen aus umliegenden Ländern, die in Albanien einen Neuanfang wagen wollen. Da ist z.B. Adnan, dessen Großvater Mitte des letzten Jahrhunderts nach Deutschland ausgewandert ist. Für den florierenden Familienbetrieb sucht er zuverlässige Handwerker und möchte seinen Schwager nach Deutschland holen. Ein Leben in Deutschland ist für viele ein Traum. Ein geregeltes Einkommen, ein guter Job, Sozial- und Gesundheitsversicherung, kaum Korruption. Erstaunlich oft werde ich auf Deutsch angesprochen und stelle fest, dass viele Albaner schon in Deutschland gearbeitet und in diesem Zusammenhang Deutsch gelernt haben. Und sie möchten zurück. Außerdem sichern Verwandte im Ausland oft mit ihrem Einkommen das Überleben der Familie in Albanien. Trotz hoher Arbeitslosigkeit sieht man auf den Straßen nur selten jemanden betteln. Arbeitslose werden von ihren Familien aufgefangen ebenso wie Kranke und Pflegebedürftige – doch das geht nur Dank der finanziellen Hilfe aus dem Ausland.

Deutschlandflagge im Minibus

Ich treffe auch Marco aus Italien und seine Frau Marie aus Albanien, die nach einigen Jahren in seiner Heimat vor kurzem den Neuanfang in ihrer Heimat gewagt und ein Hostel im Norden Albaniens eröffnet haben. Hier seien die bürokratischen Hürden geringer und der Traum vom eigenen Hostel leichter umzusetzen. Mit welcher Hingabe die beiden ihren Traum leben, erfahre ich während meines Aufenthalts in ihrer Unterkunft. Von Beginn an fühle ich mich in den liebevoll gestalteten Räumen und Aufenthaltsbereichen wohl und genieße die guten Gespräche. Am nächsten Tag muss ich früh raus, doch Marco und Marie stehen mit auf, um sicherzustellen, dass ich meinen Bus bekomme, mich mit einem Frühstück für die Fahrt zu versorgen und mich herzlich zu verabschieden.

Albanien ist mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren eine der jüngsten Gesellschaften Europas. So viele Erwerbstätige und so wenige Jobs – das ist ein großes Problem für das Land und einer der Gründe dafür, dass heutzutage 3,5 Millionen Menschen in Albanien leben und ca. 11 Millionen Albaner weltweit. Die Gesellschaft ist patriarchalisch geprägt und die Rollenverteilung von Mann und Frau traditionell. Albanische Männer sind für ihren Machismus berühmt berüchtigt. Ich erlebe jedoch während meiner Reise weder aufdringliche Blicke noch Belästigungen, sondern im Gegenteil gastfreundliche und hilfsbereite Menschen, die mir mehr als einmal auf den teilweise unübersichtlichen Busbahnhöfen und unterwegs weiterhelfen und dafür sorgen, dass ich sicher an mein Ziel komme.

Obwohl Albanien geografisch zu Europa gehört, lässt mich während der Reise das Gefühl nicht los, auf einem anderen Kontinent zu sein. Liegt es an der Armut, dem einfachen Leben auf dem Land, der Küche, der Mentalität? Oder liegt es an den vielen Einflüssen, die im Laufe der letzten Jahrhunderte von außen auf das Land eingewirkt haben und es zu so einer exotischen Mischung haben werden lassen? Oder liegt es vielleicht ganz banal einfach daran, dass es hier keine Spuren von Massentourismus gibt?

Reisetipps

Flüge in die Hauptstadt Tirana sind in der Regel teurer als in die Hauptstädte der Nachbarländer (z.B. Skopje, Podgorica, Belgrad). Zwischen den Ländern gibt es regelmäßigen Zug- und Busverkehr. Innerhalb Albaniens gibt es ein gut ausgebautes Busnetz. In abgelegeneren Orten fahren Minibusse. In den Städten gibt es eine Auswahl an Hostels. In kleineren Orten gibt es Pensionen oder – wie in den Albanischen Alpen – die Möglichkeit für Übernachtungen bei Familien oder Camping. Albanien ist außerdem ein günstiges Reiseland. Eine Übernachtung im Hostel kostet z.B. zwischen 10-15 € und eine Mahlzeit mit Fleisch ca. 4-6 €. Meine Route: Shkodra, Valbona, Theth, Tirana und Himarë.

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